Es war ein Donnerstag im April 1990. Unmittelbar vor
einer Dienstversammlung der Freiwilligen Feuerwehr fiel es den Kameraden
schwer, sich auf die Formalitäten zu konzentrieren. Viele plapperten
durcheinander, einige wirkten nervös, andere schauten gespannt in die Runde.
Dafür gab es zwei Gründe: Ortsbrandmeister Friedel
Scherer hatte angekündigt, sein Amt als Wehrführer in jüngere Hände abzugeben.
Und als wäre diese Nachricht im Kreis der Brandschützer nicht schon aufregend
genug, verbreitete es sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer, dass ,,ihr"
Friedel Ehrenbürger der Gemeinde Nauheim sein soll.
Am 3. Mai 1990 wurde Scherer mit der Würde bedacht - es
war sein 61. Geburtstag. Das Parlament traf sich zu einer Sondersitzung, in der
Bürgermeister Rudolf Zaich mit Dank und Respekt die Urkunde übergab. Das
Gemeindeoberhaupt und der frühere Parlamentschef Hanno Noll hatten die
Nachricht so lang wie möglich geheim gehalten. Doch es war etwas
durchgesickert. Alle wussten Bescheid. Und alle waren stolz auf ,,ihren"
Friedel.
Das sind die meisten Feuerwehrkameraden heute immer
noch - jedenfalls jene, die den heute 80 Jahre alten Friedel Scherer noch als
aktiven Feuerwehrmann erlebt haben. Sie wissen, was er geleistet hat. Formal
las sich das so: Die Gemeinde bescheinigt ihm ,,außergewöhnliche Verdienste zum
Wohl der Allgemeinheit".
Mittlerweile gehört Scherer seit 63 Jahren der
Feuerwehr an. Seit 1960 übte er das Amt des ,,Ersten Kommandanten"
beziehungsweise des Ortsbrandmeisters aus, wie es bis vor etwa zehn Jahren
hieß, bevor daraus ,,Gemeindebrandinspektor" wurde.
1971 wurde Scherer Kreisbrandmeister. In dieser
Funktion nahm er Aufgaben auf Zuweisung des Kreisbrandinspektors wahr. Bei der
Nauheimer Wehr waren Heinrich Schupp, Wilhelm Geyer VI und Philipp Bolbach III
seine Vorgänger, doch wohl keiner hatte bis zum Tag seines Verzichts auf das
Führungsamt über Jahrzehnte so viel für den Aufbau des Brandschutzes
unternommen wie er. In unzähligen Einsätzen behielt er die Übersicht, leitete
Kameraden an, schützte, rettete und half Menschen in Not.
Zaich attestierte ihm ,,große Umsicht in der
Personenführung" und den ,,notwendigen Nachdruck gegenüber den Vertretern
der Kommune", wenn es darum ging, die Feuerwehrausrüstung zu verbessern.
Stets aber habe sich Scherer kooperativ und bescheiden erwiesen. Als ihm am 25.
Jahrestag seines Dienstes als Ortsbrandmeister die Ehrenplakette der Gemeinde
und damit die zweithöchste Auszeichnung der Kommune verliehen wurde, sagte er: "Macht mir nicht so viel Zirkus um die Sache. Ich habe nur meine normale
Pflicht getan."
Ältere Nauheimer kennen ihn nicht nur in Uniform: In
Fastnachtssitzungen trat er als Büttenredner und singender Kraftfahrzeugmeister
auf. 1987 zeigte er Humor, als er überraschend als ,,Nauheims erster
Nachkerwevadder" mit Zylinder und Schärpe seinen eigenen Kerwespruch
verlas. Er gilt als hilfsbereit und kinderlieb, was er stets bewies, wenn
Schulklassen das frühere Feuerwehrgerätehaus in der Waldstraße besichtigten.
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Heute lebt Friedel Scherer mit seiner Frau in der
Bahnhofstraße. In der Alters- und Ehrenabteilung der Feuerwehr ist er ebenso
gern gesehen wie bei offiziellen Anlässen der Gemeinde.
Text: R. Beutel
– Rüsselsheimer Echo