Sonntag, 05.09.2010 - 11:43 Uhr

von Daniel Becker

Gefährliche Ramschprodukte

Viel Risiko für wenig Geld

Ramsch
© S. Schmich - pixelio.de

Quelle: Sat1 - Planetopia http://www.planetopia.de

InDeutschland eröffnen derzeit immer mehr sogenannte „1-Euro“-Läden. Und die EU warnt parallel immer häufiger vor Ramschprodukten, die vor allem aus Fernost importiert werden. Allein im letzten Jahr wurden über 700 Produkte als gefährlich gemeldet, vor allem Elektrogeräte, die teilweise zu Stromschlägen oder Bränden führen können. Planetopia geht der Frage nach, wie gefährlich diese Produkte wirklich sind.

Stecker, die in Flammen aufgehen – billig und brandgefährlich. Qualität – nicht selten Mangelware. Besonders bei Elektronik. Viel Risiko für wenig Geld. Karl-Heinz Betzer: „Der Markt wird überschwemmt aus Asien, aus China.“ Billig-Geräte, die schon mal wegschmilzen. Bernd Franke: „50 Prozent der eingereichten Produkte weisen Mängel der Sicherheitsstandards auf.“

Und durch solche Mängel können schnell Brände entstehen. Denn hat ein Gerät erst mal Feuer gefangen, ist der Wohnungsbrand nur eine Sache von wenigen Minuten. Wie diese Aufnahmen eindrucksvoll zeigen. Wer bei so einem Brand heil davon kommt, kann sich glücklich schätzen. Wie Anjana Dutta-Roy aus Düsseldorf. Im letzten Dezember kauft sie sich einen extrem günstigen CD-Spieler – mit Folgen.

Anjana Dutta-Roy: „Ich wollte ins Bett gehen und war im Bad. Es lief Wasser, deswegen hatte ich auch nichts gehört, und hörte dann, dass es bei uns Sturm klingelte. Ich habe dann meine Tochter aus dem Bett geholt und bin dann mit ihr nach draußen gegangen, habe sie nach draußen gebracht.“

Das Zimmer brennt völlig aus. Ursache: Überhitzung des Stromkabels. 30.000 Euro Schaden.

Anjana Dutta-Roy: „Ich wollte halt nicht viel Geld ausgeben, das war leider mein Beweggrund. Die Gefährlichkeit habe ich auf jeden Fall unterschätzt.“

Unterschätzt – wie viele. Wir sind mit der Marktüberwachung Dortmund unterwegs. Karl-Heinz Betzer und Ralf Dirkes durchstöbern regelmäßig Billigläden und Großmärkte. Zu viele Hersteller halten sich nicht an deutsche Gesetze. Und unsichere Produkte müssen sofort vom Markt. Auch heute werden sie schnell fündig.

Ralf Dirkes, Marktüberwachung Dortmund: „Das ist eine Pizzapfanne, da hat es in der Vergangenheit Probleme mit der Anschlussleitung gegeben. Wenn irgendwo eine blanke Stelle ist und ich fasse irgendwo an ein anderes Metallteil, dann bilde ich mit meinem Körper eine Brücke, so dass also Strom fließt und der kann für mich entweder kann tödlich sein oder Herz-Rhythmus Störungen auslösen oder ich kriege einfach nur einen Schlag und das muss ja nicht sein. Die nehmen wir mal mit.“

Ein erster Anhaltspunkt: Prüfsiegel. Fehlen solche GS oder TÜV Kennzeichnungen, schauen die Profis genauer hin. Das CE Zeichen – es steht für die Erfüllung der EU Richtlinien. Es wird vom Hersteller selbst aufgedruckt oder geklebt und ist nur eine freiwillige Selbstverpflichtung. Prüfzeichen werden aber immer wieder gefälscht. Betzer und Dirkes stöbern weiter. Im Blick eine simple Schreibtischlampe.

Karl-Heinz Betzer und Ralf Dirkes situativ: „Oh, das sieht ja gut aus.“ – „Schau mal hier, Made in China, hat keine CE Kennzeichnung, nix drauf.“ – „Gib mal her.“

Noch vor Ort wird die Lampe einer ersten Prüfung unterzogen. Schnell ist klar: Billigste Bauteile. Aber schon alleine das fehlende CE Zeichen Grund genug, die Lampe mitzunehmen, zur genaueren Untersuchung. Somit haben die Marküberwacher innerhalb kürzester Zeit wieder zwei verdächtige Produkte ausfindig gemacht. Der Fund heute – keine Besonderheit für die Beamten. Wir wollen es genauer wissen, begeben uns mit versteckter Kamera in verschiedenen Läden auf die Suche nach Ramschprodukten. Kaufen stichprobenartig mehrere Haushaltsgeräte und Produkte für Kinder – die werden besonders billig angeboten.

Situativ im Laden: „Hallo, Guten Tag, würde die zwei Sachen hier mitnehmen, ist das kindersicher?“ – „Ja.“ – „Können auch kleine Kinder dran?“ – „Nein.“ – „Dann nehme ich die beiden.“

Unsere gesammelten Geräte bringen wir zum VDE, einem anerkannten Prüfinstitut für Produktsicherheit. Drei Geräte lassen wir testen: Einen Fön für acht Euro. Ein Nachtlicht für Kinder, 99 Cent, und einen Toaster für acht Euro 50. Unser erster Testkandidat: Der Fön. Schon beim Auspacken: der erste Haken für Prüfer Bernd Franke.

Bernd Franke, Prüfingenieur: „Die Bedienungsanleitung selber hat ein Problem, ist nämlich nur in englischer Sprache. Das ist sogar gesetzlich verboten, denn der Verbraucher muss ja Sicherheitshinweise, die in dieser Bedienungsanleitung drinstehen auch lesen können.“

Und beim genauen Betrachten dann echte Risiken: Der Knickschutz für das Stromkabel löst sich. Dadurch kann es beschädigt werden. Bei Kontakt mit Wasser wird’s jetzt lebensgefährlich. Als nächstes untersucht Franke, ob der Benutzer an elektrische Teile kommen kann, die unter Strom stehen. Das Prüfgerät meldet: eindeutig ja.

Bernd Franke: „Diese ganzen Beanstandungspunkte zeigen klar auf, dass hier Sicherheitsmängel vorliegen. Klares Votum: Dieser Haartrockner würde vom VDE kein Sicherheitszeichen bekommen.“

Warum aber hat der Fön dann ein TÜV-Prüfsiegel? Wir fragen nach und bekommen vom TÜV Süd folgende Antwort: „mit den vorliegenden Informationen können wir dem Produkt kein Zertifikat (...) zuordnen. Es sieht tatsächlich nach einem Missbrauch unseres Prüfzeichens aus.“

Das Siegel offenbar gefälscht. Jetzt schaut sich Ingenieur Franke den Toaster an. Auch diesmal wieder nur eine Anleitung auf englisch. Dann nimmt er ihn auseinander. Die Verarbeitung - zwar besser als beim Fön, aber trotzdem liegt einiges im Argen. Der Anschluss des Schutzleiters beispielsweise: fehlerhaft.

Bernd Franke: „Unser Prüfergebnis zeigt auch hier wieder: Die sicherheitstechnischen Anforderungen werden nicht erfüllt, in bestimmten Fehlerzuständen kann auch der Toaster zu einer Gefahr für den Benutzer werden.“

Unser drittes Produkt: Ein Nachtlicht fürs Kinderzimmer, Made in China. Es ist für den unbeaufsichtigten Gebrauch bestimmt, sollte eigentlich besonders sicher sein.

Hubert Müller, VDE-Experte für Leuchten: „Es ist schon ein gravierendes Ergebnis, dass bei Lampenwechsel die Gefahr eines elektrischen Schlages besteht.“

Und nicht nur das. Bei dem Nachtlicht verformt sich schon nach kurzer Zeit die Abdeckung. Bei einer Lampe, die meist in Krabbelhöhe angebracht ist - unverantwortlich. Jetzt soll eine Brandprüfung klären, welche Gefahr von der kleinen Leuchte noch ausgeht.

Constanze Borchers, Produktprüferin: „Gutes Material würde gar nicht brennen oder aber es würde bei den zweiten 30 Sekunden, in dieser Nachbrennzeit schnell verlöschen.“

So wie bei diesem Stecker. Er ist qualitativ in Ordnung, brennt vorschriftsmäßig nur wenige Sekunden. Gerade weil oft Tapete oder Vorhänge in der Nähe sind, ist eine kurze Brenndauer zwingend vorgeschrieben. Doch die Kinderlampe versagt hier völlig. Sie brennt lichterloh und nach 40 Sekunden muss sogar gelöscht werden.

Constanze Borchers: „Dieser Stecker hat den Test nicht bestanden, er brennt unkontrolliert, er hat eine sehr hohe Flamme und gerade im Haushalt, speziell in Kinderzimmern, geht einfach eine viel zu große Gefahr von ihm aus.“

Der VDE hat noch mehr Geräte untersucht. Gerade jetzt im Frühling werkeln viele wieder im Freien. Deshalb stehen im Prüfinstitut acht Außenleuchten zur Kontrolle an. Gekauft in verschiedenen Baumärkten. Auch hier: Qualität Fehlanzeige. Und noch schlimmer. Den Wassertest überlebt keine Lampe. Und das, obwohl sie für den Betrieb im Freien gedacht sind.

Peter Kaufmann, Prüfingenieur: „Man sieht ganz deutlich einen erheblichen Wassereintritt in die Leuchte und das ist eben nicht zulässig.“

Bei allen Testleuchten ein ähnliches Bild. Auch die sogenannte Staubprüfung besteht nur die Hälfte der Lampen. Denn gelangt zu viel Schmutz ins Innere, kann das Licht ungewollt ausgehen. Fazit beim VDE – die meisten Testprodukte weisen eklatante Mängel auf.

Bernd Franke, VDE: „Wir haben bei allen Produkten Mängel festgestellt, hier kann Brandgefahr entstehen, hier kann die Gefahr eines elektrischen Schlages entstehen. Und wenn man sich die Feuchtraumleuchten ansieht, die dann beim Abspritzen im Frühling voll Wasser laufen und damit auch zur Gefahr werden, da besteht riesiges Verbesserungspotenzial für den Verbraucherschutz.“

Verdächtige Produkte werden an eine europaweite Datenbank gemeldet. Hier kann sich auch der Verbraucher informieren und im Verdachtsfall Kontakt zu den Behörden aufnehmen. Diese sind auf Hinweise angewiesen, denn immer mehr Ramschprodukte drängen auf den Markt. Letztlich gilt ein wichtiger Grundsatz.

Ralf Dirkes, Marktüberwachung Dortmund: „Wer eine Marke kauft, die vom Preisniveau etwas höher ist, da könnte man davon ausgehen, dass also die Produkte ein bisschen besser gebaut sind und die Teile da drin etwas teurer waren, denn irgendwo kommt der Preis ja her.“

Prüfsiegel sollten auf jeden Fall drauf sein, auch wenn sie nicht immer eine Garantie darstellen. Das beste Indiz für Sicherheit aber scheint der Preis. Denn: Geiz brennt eben besonders geil.

Internettipps:

Verbraucherinfos des VDE: www.vde.com/Allgemein/Themen/Verbraucherinfos/
CSMS Marktüberwachungsbehörden der EU: www.icsms.de
Europäisches Verbraucherzentrum: www.evz.de/UNIQ114561238616396/doc1018A.html

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